„Immer auf der Höhe der Zeit“ – Andreas Reyher und die Astronomie im Unterricht

Porträt Andreas Reyher

Porträt Andreas Reyher

Mitte des 17. Jahrhunderts war auch das Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg ein vom Dreißigjährigen Krieg gebeuteltes Land. Es herrschten Armut, Not, Krankheiten und Bevölkerungsschwund. In allen Lebensbereichen brauchte es Menschen, die anpacken konnten, die mitdenken, aber auch praktische Ergebnisse vorweisen konnten. Herzog Ernst der Fromme erkannte das und holte sich renommierte Gelehrte an den Hof, die ihn beim Wiederaufbau und der Neustrukturierung des Landes unterstützen sollten. Auch dem Pädagogen Andreas Reyher machte er 1640 ein Angebot, das dieser nicht abschlagen konnte: In Zeiten, in denen ein regelmäßiger Unterricht kaum möglich schien, sollte er als Rektor des Gothaer Gymnasiums und Berater des Herzogs in pädagogischen Fragen das Schulwesen des Landes neu organisieren. In dieser Funktion machte er als einer der ersten Pädagogen auch die Astronomie zum Unterrichtsinhalt an Elementarschulen, lehrte die Weltmodelle und forderte seine Schüler zu einer objektiven Auseinandersetzung mit dieser Wissenschaft auf. Auch ohne Astronom im engeren Sinne zu sein, wurde Reyher damit zu einer wichtigen Figur der Astronomie in der Frühen Neuzeit.

„Egal, was ich bisher von Reyher gelesen habe, er erstaunt mich immer wieder“, sagt Dr. Sascha Salatowsky, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsbibliothek Gotha und Kurator der Ausstellung Himmelsspektakel. Astronomie im Protestantismus der Frühen Neuzeit, die vom 12. April bis zum 21. Juni 2015 in der Forschungsbibliothek zu sehen ist. Salatowsky hat im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen noch einmal viele Handschriften Reyhers aus dem Bestand der Forschungsbibliothek untersucht und ist zu einem klaren Schluss gekommen: „Reyher war immer auf der Höhe der Zeit. Er war eine faszinierende Persönlichkeit, ein Universalgelehrter, der sich mit ganz vielen wissenschaftlichen Disziplinen auseinandergesetzt hat, auch mit der Astronomie. Er führte eigene Beobachtungen, Messungen und Berechnungen durch und stand in Kontakt mit wichtigen Astronomen seiner Zeit wie Johannes Hevelius. Die Astronomie gehörte für ihn einfach zum wissenschaftlichen Diskurs und war in der Zeit vielleicht sogar eine Art Leitwissenschaft.“

Der Grundstein dieses wissenschaftlichen Vorausdenkens wurde für den am 4. April 1601 in Heinrichs geborenen Reyher unter anderem bereits beim Besuch des Hennebergischen Gymnasiums in Schleusingen gelegt. Der Kaufmannssohn wollte nämlich partout nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten. Da seine Intelligenz jedoch augenscheinlich war, ermöglichte ihm der Vater den Wechsel von einer Suhler Lateinschule auf das Hennebergische Gymnasium, das einen hervorragenden pädagogischen Ruf genoss – und wo er nach seinem Studium auch als Lehrer und Direktor wirkte und Schüler in Astronomie unterrichtete. Zuvor absolvierte der vielseitig interessierte Reyher aber erst einmal ein Studium an der Philosophischen und der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Aus Geldmangel unterrichtete er die Kinder wohlhabender Bürger und muss bereits da ein gewisses Faible für die Pädagogik entwickelt und sich diesbezüglich einen Ruf erarbeitet haben. Nachdem er mit dem Magister in der Tasche weiter als Privatlehrer arbeitete und an das Schleusinger Gymnasium berufen wurde, ereilten ihn um 1640 gleich zwei Angebote. Eine Stelle als Rektor am Lüneburger Johanneum schlug er jedoch zugunsten des Postens in Gotha aus – eine gute Entscheidung für beide Seiten: Einerseits rekrutierte Herzog Ernst der Fromme mit Reyher einen visionären Gelehrten, der das Herzogtum aufgrund seines vorbildhaften Schulwesens zukünftig weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machen sollte – bald ging sogar die Legende um, in Sachsen-Gotha-Altenburg seien die Bauern intelligenter als die Adeligen in anderen Gebieten. Im Gegenzug erhielt Andreas Reyher die Möglichkeit, unter der schützenden Hand des Herzogs seine pädagogischen Vorstellungen auszuprobieren und realisieren zu können. „Das in Schleusingen konzipierte innovative Unterrichtskonzept, das fachlich breit gefächert war und auch die Astronomie umfasste, konnte Reyher somit auch in Gotha fortführen und weiterentwickeln“, weiß Sascha Salatowsky. Reyher schuf mit seinem „Schulmethodus“ erste feste Lehrpläne für die Elementarschule in den Fächern Religion, Lesen, Schreiben, Singen, Rechnen und übernahm die Federführung in der vom Herzog geforderten Einführung einer allgemeinen Schulpflicht. Auch die Anfänge des naturwissenschaftlichen Unterrichts können Andreas Reyher zugeschrieben werden, der sich in seinem „Kurtzen Unterricht von den natürlichen Dingen“ mit Himmelskunde, Erde, Pflanzen, Tier und Mensch beschäftigte. In einer speziellen Förderklasse bereitete er besonders begabte Schüler auf ein Universitätsstudium vor, auch sie unterrichtete er in Astronomie. „Zudem überarbeitet er in Gotha sein erstmals 1635 in Schleusingen erschienenes, für die Schule konzipiertes philosophisches Hauptwerk Margarita philosophica“, erklärt Salatowsky. Dieses befindet sich neben weiteren astronomischen Dokumenten Reyhers in verschiedenen überarbeiteten Auflagen in seinem Nachlass, der in der Forschungsbibliothek Gotha bewahrt wird. Für die Ausstellung Himmelsspektakel hat sich Salatowsky besonders den Abschnitten zur Kosmografie in der Margarita zugewandt und dabei eine „erstaunliche Grundhaltung“ Reyhers zutage gefördert: „Allein die Tatsache, dass Reyher in seiner Margarita philosophica bereits 1635 die drei Weltmodelle von Aristoteles bzw. Ptolemaios, Copernicus und Tycho Brahe beschrieb und auch grafisch abbilden ließ, verdient höchste Anerkennung. Nach meinem Kenntnisstand ist er damit einer der ersten, der seinen Schülern alle Weltmodelle im Zusammenhang und ohne theologische Vorurteile präsentierte. Sein Stil ist dabei betont nüchtern und zielt auf objektive Wissensvermittlung ab. Er definierte die Kosmografie in der Auflage von 1654 als ‚Wissenschaft vom Weltall, insofern es messbar ist‘. Damit verdeutlichte er den physikalisch-mathematischen Anspruch dieser Wissenschaft, die nicht bloße Hypothesen bietet, sondern harte und nachprüfbare Fakten, an denen man sich allein zu orientieren hat.“ Mit jeder neuen Auflage der Margarita philosophica überarbeitete Reyher seine Ausführungen zu den Weltmodellen und Astronomen und berücksichtigte dabei stets die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. 1669 bekannte er sich eindeutig zum neuen Copernicanischen Weltbild sowie zu Keplers Theorie, „dass die Erde sich bewege statt der Himmel“ und versuchte, seinen Schülern zu verdeutlichen, dass es keinen Widerspruch zwischen der Bibel und dem heliozentrischen Weltbild gebe.
„Die stetigen Überarbeitungen des Lehrbuchs Margarita philosophica zeigen, dass Andreas Reyher nicht nur Förderer einer wissenschaftlich-didaktischen Auseinandersetzung mit der Astronomie war, sondern auch ein Lehrer, der seine Schüler an den neuesten Diskussionen und Entwicklungen nahezu in Echtzeit teilnehmen ließ“, resümiert Sascha Salatowsky. Für den Gothaer Gelehrten war die Himmelskunde somit mehr als ein persönliches Interessengebiet, das er mit Herzog Ernst I. teilte. Bis zu seinem Tod 1673 empfand er es wohl auch als seine pädagogische Verpflichtung, diese wissenschaftliche Begeisterung unmittelbar an seine Schüler weiterzugeben. Und zumindest in einem Fall ist ihm das ja auch bestens gelungen: Sein ältester Sohn Samuel Reyher wurde ein angesehener Wissenschaftler und bekannter Astronom.

Weltmodellen in der Margarita philosophica

Darstellung von Weltmodellen in Andreas Reyhers Margarita philosophica