Einer für alle – Wie sich Erhard Weigel für einen einheitlichen Kalender einsetzte

Porträt Erhard Weigel

Porträt Erhard Weigel, via wikimedia commons

Erhard Weigel war Astronom, Pädagoge und Erfinder. Als seinerzeit beliebtester Mathematik-Professor der Jenenser Universität lockte er mit seinen unkonventionellen Lehrmethoden und seiner Kreativität einst die Studenten in Scharen in seine Vorlesungen, sogar Gottfried Wilhelm Leibniz verbrachte nur seinetwegen ein Semester in Jena. Deshalb kann Erhard Weigel getrost als Jenaer Phänomen des 17. Jahrhunderts betrachtet werden. Er war Dekan der Philosophischen Fakultät und dreimal Universitätsrektor. Als Oberbaumeister und tüftelnder Erfinder prägte er das Jenaer Stadtbild mit. Sein Wohnhaus, ausgestattet mit allerlei Kuriositäten und Innovationen, mit Werkstätten und einer vorbildhaften Lehr- und Tugendanstalt, gehörte einmal zu den „Sieben Wundern“ Jenas. Heute ist jedoch kaum mehr etwas übrig von der einstigen „Weigelmanie“. Immerhin wurde vor einigen Jahren am ehemaligen Collegium Jenense eine kleine Namenstafel angebracht und seit 2003 gibt es auch eine Erhard-Weigel-Gesellschaft, die sich für das wissenschaftliche Andenken an Weigel engagiert; mittlerweile hat er sogar einen Twitter-Account. So richtig angekommen ist Weigel trotzdem nicht in den Köpfen. Und das, obwohl wir an jedem einzelnen Tag unmittelbar mit einem seiner Verdienste leben: Nicht zuletzt  ihm verdanken wir es nämlich, dass es in Deutschland nach einem Jahrhundert kalendarischer Verwirrung und Auseinandersetzungen wieder zu einer einheitlichen Kalenderführung kam.

Erhard Weigel wurde am 16. Dezember 1625 in der Oberpfalz geboren. Er besucht das Lutherische Gymnasium in Halle und verdient sich sein Taschengeld mit Schreibarbeiten bei dem Astrologen Bartholomäus Schimpfer. Hier lernt er nicht nur den Umgang mit Karten und Globen, sondern auch, wie wichtig die Mathematik für die Astrologie und Astronomie ist. Er schreibt sich schließlich in Leipzig ein und erwirbt 1650 seinen Magister in Mathematik. Zwei Jahre später wird er promoviert und als er erfährt, dass er für die Nachfolge von Heinrich Hoffmann als Mathematik-Professor der Universität Jena im Gespräch ist, wendet er sich brieflich an zwei der Gönner der Universität, an Herzog Ernst den Frommen und dessen Bruder Friedrich Wilhelm. Sein Engagement fruchtet, denn im Januar 1653 wird Weigel schließlich als Mathematik-Professor nach Jena berufen. In seiner Antrittsvorlesung De Cometa Novo spricht er über den Kometen vom Dezember 1652 – und macht damit gleich deutlich, wofür sein Herz schlägt. Und auch in den nächsten Jahren macht sich seine Vorliebe für die Astronomie bemerkbar: Als Dekan und damit „Gebäudeaufseher“ der Philosophischen Fakultät errichtet er 1655 am Collegium Jenense ein Observatorium zur Sternbeobachtung; 1661 bringt er auf dem Dach des herzoglichen Schlosses einen eigens von ihm entworfenen Himmelsglobus an; in seinem Wohnhaus gibt es neben allerlei Kuriositäten auch ein Planetarium. Und: Als überzeugter Protestant sind ihm die heidnischen Sternbilder ein Dorn im Auge. Deshalb erfindet er einen europäischen Wappenhimmel, in dem die Sternbilder nach den europäischen Fürstenhäusern benannt sind – womit er natürlich vor allem bei den Fürsten selbst Eindruck machte, weniger jedoch bei seinen Kollegen. Auch zahlreiche Veröffentlichungen Weigels drehen sich um das Universum. In seinen „Mathematischen Kunst-Übungen“ stellt er beispielsweise eine Reihe astronomischer Erfindungen vor wie seinen Sternenweiser „Astrodicticum Simplex“ oder den „Globus mundanus“, einen begehbaren Zimmerglobus mit simuliertem Sternenhimmel. Co-finanziert werden seine Experimente und Erfindungen auch vom Gothaer Herzog, der ebenfalls an der Astronomie interessiert ist und Weigel ermutigt, sich nicht nur den theoretischen Studien hinzugeben, sondern auch den praktischen und alltäglichen Problemen fachliche Aufmerksamkeit zu schenken. So widmet sich Weigel ganz unterschiedlichen Aspekten wie neuen Lehrmethoden, dem Brandschutz oder eben der Sternbeobachtung und dem neuen Gregorianischen Kalender, der 1582 in den katholischen Ländern den Julianischen Kalender ablöste. Er veröffentlicht den „Himmelsspiegel“, den „Erd-Spiegel“ sowie den „Bürgerlichen Zeit-Spiegel“. In Letzterem zeigt er 1664 auf, wie dringend notwendig auch in den protestantischen Gebieten eine Kalenderreform ist.

Schon sehr viel früher waren die Probleme, die der seit 46 v. Chr. vorherrschende Julianische Kalender mit sich brachte, bekannt: Denn zwischen der wirklichen, von der Sonne vorgegebenen Jahreslänge und der kalendarischen bestand eine Differenz, die pro Jahr elf Minuten betrug und sich nach 130 Jahren auf einen ganzen Tag belief. Das brachte nicht nur das Datum des Frühlingsanfangs, also der Frühlings-Tagundnachtgleiche, durcheinander. Auch wichtige christliche Daten und Feiertage sind an die astronomischen Daten und die Mondphasen gebunden. Ostern beispielsweise fällt auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, wobei der tatsächliche, astronomische Vollmond von dem im Kalender angegebenem immer weiter abwich. Schon im elften Jahrhundert wurden diese Diskrepanzen deutlich, doch erst im 16. Jahrhundert – der Unterschied betrug bereits etwa zehn Tage – gab es ernste Vorstöße, das zu ändern. Da der angeordnete Wegfall von zehn Tagen allein die Ursache des Problems nicht bekämpft hätte, erarbeitete der Astronom Christoph Clavius mit einer päpstlichen Kommission einen Vorschlag für eine Kalenderreform. Papst Gregor XIII. stimmte diesem 1581 zu und setzte den „Gregorianischen Kalender“ mit der päpstlichen Bulle „Inter gravissimas“ durch – allerdings nur in den katholischen Gebieten. Denn in den protestantischen Ländern und Landteilen war man kategorisch gegen alle Anordnungen, die vom Papst kamen. Die Kalenderreform bildete dabei keine Ausnahme und so kam es ein Jahrhundert lang zu nicht nur nach Konfession, sondern auch nach Kalender geteilten Gebieten. Auch Deutschland war davon betroffen und  in bi-konfessionellen Städten wie Augsburg bildeten sich bizarre Szenarien heraus, in denen der eine Teil der Stadt zu einer anderen Zeit die christlichen Festtage beging als der andere. Im weiteren Verlauf dieses von Streitschriften, heftigen Diskussionen und zum Teil bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen geprägten Jahrhunderts wurde man sich jedoch auch in den protestantischen Gebieten der Notwendigkeit einer Reform immer bewusster, auch im Herzogtum Sachsen-Gotha. So beauftragt Herzog Ernst der Fromme Erhard Weigel und andere Gelehrte wie Andreas Reyher, dazu Stellung zu nehmen.

Weigel wird sich genau wie Reyher und Kepler positiv zu der Kalenderreform geäußert haben. Schließlich hatte er sich bereits 1664 gegen den „Unfug, derer in Teutschland so häuffig unnd zwar jährlich neu bißher ausgestreuten Chaldäischen, ärgerlichen Calender-Prognostiken entworfen wird“ ausgesprochen. Da eine Kalendervereinigung trotz allem noch lange nicht in Sicht war, machte sich Weigel das einheitliche Kalenderwesen quasi zur Lebensaufgabe und begann, sich immer stärker dafür einzusetzen. Er nimmt eigene Berechnungen vor und kann mit der Kalkulation der genauen Diskrepanz zwischen astronomischem und julianischem Jahr nichts anderes tun, als den Gregorianischen Kalender zu bestätigen. Lediglich kleine Änderungen schlägt er vor, zum Beispiel in der Regelung von Schaltjahren. Mit diesem neuen Ansatz für einen gemeinsamen Kalender – der ja aufgrund kleiner Variationen nun nicht mehr der vom Papst diktierte Gregorianische Kalender ist – macht sich Weigel an die Überzeugungsarbeit. Er schreibt Briefe an die europäischen Höfe und an die Vertretung der evangelischen Reichsstände. Er reist persönlich nach Dresden, Wien, Stockholm und Kopenhagen, klärt auf über seinen Reformvorschlag sowie über ein einzurichtendes Collegium Artis Consultorium, das die Aufsicht über den Kalender übernehmen, jährlich ein Grundkalendarium publizieren und auch durch die von Verlegern zu zahlenden Steuern finanziert werden soll. Als Erhard Weigel am 21. März 1699 in Jena stirbt, haben seine unermüdlichen Vorstöße für einen einheitlichen Kalender gefruchtet – und sich dennoch nicht durchgesetzt. Sein Nachfolger an der Universität Jena, Georg Albrecht Hamberger, übernimmt schließlich auch diese Aufgabe und erarbeitet mit Kollegen eine etwas reduzierte Variante des Weigelschen Kalenders. Dieser „Verbesserte Kalender“ wird 1699 in den protestantischen Gebieten eingeführt, die elf Tage Diskrepanz werden übersprungen wie schon von Weigel vorgeschlagen. Dennoch wurde das Osterfest noch einige Jahrzehnte unterschiedlich berechnet. Erst Friedrich der Große brachte 1775 diesbezüglich eine Einigung auf den Weg, und schließlich vereinheitlichte Kaiser Joseph II. 1776 den Kalender unter allen Reichsständen.

Diese erfolgreiche Kalendervereinigung geht nicht zuletzt auf die Bemühungen Erhard Weigels zurück, der sich auch im hohen Alter noch genau dafür einsetzte, wohlwissend, dass er eine Realisierung vielleicht gar nicht mehr erleben würde. Weigel war sicher nicht der größte Mathematiker und Astronom seiner Zeit und auch viele seiner Erfindungen sind heute vergessen. Aber er hat mit der Kalenderreform ein bedeutendes Erbe hinterlassen, das schon den Alltag der Menschen im 18. Jahrhundert erleichterte und zu einer Befriedung in den konfessionell gespaltenen Gebieten beitrug. Heute gibt es keine Fehden mehr wegen Kalender, Festtagen oder Frühlingsanfang und wir müssen uns darüber kaum mehr Gedanken machen. Vielleicht ist Weigels größter Verdienst auch deshalb ein wenig in Vergessenheit geraten – aber dann wäre das ja sogar in seinem Sinne.

Collegium Jenense, 1661

Collegium Jenense, 1661. Von Johann Duerr [Public domain], via Wikimedia Commons.