Astronomie in Gotha


Schon der Erbauer des Schloss Friedenstein, Herzog Ernst I. genannt der Fromme, interessierte sich für die Astronomie und sammelte astronomische Schriften. Als einer der Nutritoren der Jenaer Universität förderte er im Herzogtum bereits aktiv die Wissenschaft und die Astronomie, die damals Teil der Mathematik war. Jedoch erst mit dem Bau der Sternwarte auf dem Seeberg unter Herzog Ernst II. von Sachsen – Gotha – Altenburg wurde auch in Gotha selbst eine systematische Astronomie-Forschung begründet, die fast 150 Jahre andauern sollte. Unter ihrem ersten Direktor Franz Xaver von Zach entwickelte sich die Gothaer Sternwarte zu dem Kommunikationszentrum für europäische Astronomen. Im 19. Jahrhundert forschten mit Johann Franz Encke und Peter Andreas Hansen zwei Gelehrte in Gotha, deren Untersuchungen die Entwicklung der Himmelskunde im vorigen Jahrhundert entscheidend geprägt haben.

Nach der Schließung der Sternwarte im Jahr 1934 gelangten astronomische Handschriften – vor allem aus der Bibliothek der Sternwarte – in die heutige Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt und vervollständigten die bis zu diesem Zeitpunkt ohnehin dort vorhandenen Dokumente zur Gothaer Astronomie.

Neben den Beständen zur Gothaer Astronomie-Geschichte befinden sich in der Forschungsbibliothek auch abendländische und orientalische Handschriften astronomischen Inhalts aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Viele davon sammelte Ulrich Jasper Seetzen im Auftrag des Gothaer Hofs auf seinen Forschungsreisen. Seetzen wurde von Zach auf dem Seeberg ausgebildet und hat die auf seinen Reisen gesammelten Erkenntnisse in Zachs Monatlicher Correspondenz publiziert.

 

Franz Xaver von Zach und die Gothaer Sternwarte

Porträt Franz Xaver von Zach

Porträt Franz Xaver von Zach, via wikimedia commons

Gotha war im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der exakten Wissenschaften. Herzog Ernst II. von Sachsen – Gotha – Altenburg stand mit vielen Gelehrten seiner Zeit im Briefwechsel. Er interessierte sich vor allem für die Fächer Mathematik, Physik und Astronomie. Sofern sich ihm dazu neben den Regierungsgeschäften Gelegenheit bot, trat er als (Amateur-) Forscher und Wissenschaftsmäzen in Erscheinung – eine Beschäftigung, bei der er vor allem Erholung suchte und der er in jungen Jahren wohl gern sein ganzes Leben gewidmet hätte. Die Sekretäre Johann Friedrich Schroeder und Ludwig Christian Lichtenberg haben offenbar einen beträchtlichen Teil der Zeit damit verbracht, ihrem Herzog als Gesprächspartner und Gerätebauer, im Falle Lichtenbergs auch als physikalischer Lehrer und Vorlesender, zur Verfügung zu stehen. Als Ernst II. sich entschloss, Xaver von Zach nach Gotha zu holen, dürfte er dem in Ungarn geborenen Gelehrten eine ähnliche Rolle zugedacht haben. Zach hatte einige der berühmtesten Astronomen seiner Zeit kennengelernt, bevor er als Gesellschafter und Erzieher in den Dienst des königlich-sächsischen Gesandten in England, Graf Hans Moritz von Brühl, trat. Brühl empfahl Zach an Ernst II. und so traf Zach im Jahr 1786 am Gothaer Hof ein und nahm, wie er selbst berichtet, sogleich die Gegend in und um Gotha in Augenschein. In einem Schreiben an den Herzog vom 07.08.1786 erläuterte Zach seine ersten Vorstellungen und skizzierte einen Grund- und Aufriss des zukünftigen Observatoriums. Die provisorischen Zeichnungen Zachs wurden zunächst nicht weiter ausgearbeitet, Herzog Ernst wünschte sich den Ausbau des östlichen Flügels auf Schloss Friedenstein als Sternwarte. Anfang des Jahres 1787 bereisten der Herzog und die Herzogin Maria Charlotte Amalie gemeinsam mit Zach Südfrankreich. In Hyères bei Toulon wurde auf einem ehemaligen Festungsturm eine kleine Sternwarte eingerichtet und bis April 1787 zu Beobachtungen genutzt. Nach der Rückkehr aus Frankreich nahm man die Errichtung einer Sternwarte erneut in Angriff. Während der Messungen auf dem Beobachtungsturm in Hyères und im Gothaer Schloss hatten sich Zach und auf dessen Initiative vor allem der Herzog davon überzeugt, dass die absolute Messgenauigkeit durch den Standort der Fernrohre auf hohen Gebäuden stark beeinträchtigt wird. Der wesentliche Punkt in Zachs erstem Entwurf, nämlich eine Sternwarte zu ebener Erde mit fester Verankerung der Geräte im Boden zu erbauen, wurde auf dem Seeberg in die Tat umgesetzt. Das Projekt geriet großzügiger als es Zach in seiner ersten Skizze vorgeschlagen hatte. Zachs Talent, Ernst II. für ein Projekt zu begeistern und ihn „sanft“ zu lenken, sollte noch mehrmals zum Tragen kommen. Der Regent – naturwissenschaftlich-sachlicher Argumentation zugänglich – war wohl auch nicht allzu schwer auf solche Weise zu beeinflussen. Bis zur Inbetriebnahme der Seebergsternwarte im Jahr 1792 diente Zach und Ernst II. der östliche Flügel des Schlosses Friedenstein als Observatorium. Eine der ersten Untersuchungen nach der Rückkehr aus Südfrankreich war den Elementen und Phasen der partiellen Sonnenfinsternis vom 15.06.1787 gewidmet. Zu den letzten Beobachtungen, die vor Zachs Umzug auf den Seeberg noch im Schloss stattgefunden haben müssen, zählt eine Jupiterbedeckung durch den Mond am 28.06.1792. Gerade in den ersten Jahren, als der Herzog und sein Astronom noch nicht räumlich voneinander getrennt waren, scheint die Zusammenarbeit zwischen beiden besonders eng gewesen zu sein. Im wissenschaftlichen Nachlass Ernsts II. finden sich viele Abschriften, Kommentare und Ausarbeitungen zu Aufsätzen von Zach. Ernst übte Rechenregeln zur Reduktion von Beobachtungen, die ihm Zach mitgeteilt hatte, beschäftigte sich mit Zeitrechnungen sowie Zeitmessungen und ließ sich den Gebrauch der Sonnentafeln erklären, die Zach 1792 in Gotha publiziert hat. Mit den „Astronomischen Tafeln der mittlern Abstände der Sonne in Zeit …“ publizierte er sogar eine eigene wissenschaftliche Abhandlung.

Ein Arbeitsgebiet, mit dem sich Zach immer wieder beschäftigte, war die astronomisch-geodätische Ortsbestimmung. Auch hierfür hat er den Herzog begeistern können. Über den gesamten wissenschaftlichen Nachlass Ernsts II. verstreut finden sich immer wieder Notizzettel, in denen Sextantenbeobachtungen, Chronometerablesungen und Ortsberechnungen ausgeführt sind. Ab 1788 begann der Herzog, systematisch Chronometerjournale zu führen. Zach wertete Beobachtungen des Herzogs und gelegentlich auch der Herzogin aus. Nach dem Wechsel auf den Seeberg wurde der Kontakt zum Herzog aufgrund der räumlichen Distanz anscheinend etwas lockerer, riss aber niemals ab. Der Nachlass Ernsts II. enthält viele Notizen mit Beobachtungsangaben und Kommentaren von Zach, darunter auch solche, die auf dem Seeberg niedergeschrieben wurden. Außerdem befinden sich Briefe Zachs an den Herzog in der Forschungsbibliothek Gotha, die aus den Jahren 1800 bis 1803 stammen. Der frühe Tod Ernsts II. 1804 sollte Zachs Leben und die Arbeit auf der Seebergsternwarte grundlegend verändern. Ab 1802 hatte Zach auf Wunsch des preußischen Königs Vorbereitungen zur Aufnahme Thüringens (insbesondere der Erfurtischen Gebiete) und des Eichsfelds getroffen und bei dieser Gelegenheit Ernst II. dazu bewogen, die lokale Vermessung zu einer Gradmessung nach französischem Vorbild auszudehnen. Das Vorhaben hatte Ernst nicht nur einiges Geld, das er stets aus seiner Privatschatulle bezahlte, sondern auch Zeit gekostet. Obgleich der Nachfolger Ernsts II., sein Sohn August, die Stiftung des Vaters zur Erhaltung der Sternwarte respektierte, war er wohl nicht gewillt, Zachs Pläne ebenso großzügig zu fördern. Die Sternwarte wurde zur „Aktensache“, wie sich aus folgender Nota aus den „Ältesten Akten der Sternwarte Seeberg“ herauslesen lässt: „frühere Akten über die Sternwarte Seeberg sind bey der Geheimen Canzley nicht vorhanden, da bis zum Ableben des Herzogs Ernst Durchl. diese Anstalt als herzogl. Privatsache behandelt, und aus der herzoglichen Schatulle erhalten wurde“. Zum Oberhofmeister der verwitweten Herzogin ernannt, verließ Zach mit ihr Gotha zunächst im Herbst/Winter 1804/1805, begleitete sie dann auf ihren Witwensitz nach Eisenberg und kehrte seiner so erfolgreichen Wirkungsstätte in Gotha 1806 endgültig den Rücken. Zachs wissenschaftliche Leistungen sind in späterer Zeit von verschiedenen Historikern geringer eingeschätzt worden als sein Talent, die astronomische Forschung und die Zusammenarbeit der Gelehrten zu organisieren. Den Wissensaustausch seiner Zeit hat Zach ganz entschieden durch die Gründung der ersten astronomischen Fachzeitschriften – den Allgemeinen Geographischen Ephemeriden und der Monatlichen Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde – forciert. Im Jahr 1798 fand auf dem Seeberg der erste Astronomenkongress überhaupt statt.

Als Zach die Direktion des Observatoriums im Jahre 1806 niederlegte, hat er seine noch auf dem Seeberg befindlichen Papiere und Bücher durch einen Kammerdiener der Herzogin aus den Sternwartenräumen zusammentragen und nach Eisenberg bringen lassen. Es ist gut möglich, dass der Kammerdiener dabei einige Dokumente zurückgelassen hat, die er eigentlich hätte mitbringen sollen. So scheint es durchaus plausibel, dass auch einige noch in Gotha vorhandenen Briefe schon bei Zachs Weggang durch glückliche Umstände auf der Sternwarte verblieben sind. So stammt der Bestand an Handschriften aus der Zeit Zachs und Ernsts II. in der Forschungsbibliothek im Wesentlichen aus drei Hauptquellen: den Dokumenten, die bereits beim Tod Ernsts II. in die Herzogliche Bibliothek kamen, der Sternwartenbibliothek, die 1941 endgültig aufgelöst wurde, und jenen Unterlagen, die vom Staatsarchiv (dem heutigen Thüringer Staatsarchiv Gotha) in die Herzogliche Bibliothek umgesetzt wurden. Ergänzt werden diese Hauptquellen durch verschiedene, von der Forschungsbibliothek bis in die Gegenwart fortgesetzte Ankäufe.

Quelle:
Oliver Schwarz, Cornelia Hopf, Hans Stein: „Quellen zur Astronomie in der Forschungs- und Landesbibliothek Gotha unter besonderer Berücksichtigung der Gothaer Sternwarten“, Forschungs- und Landesbibliothek Gotha, 1998.