Sektion 2: Revolution am Himmel

Das Weltmodell des Nicolaus Copernicus führte im 16. Jhd. zu einem der bedeutendsten Umbrüche der Wissenschaftsgeschichte. Es beinhaltete zwei revolutionäre Thesen: 1. Nicht die Erde, sondern die Sonne steht im Mittelpunkt des Universums. 2. Die Erde steht nicht still, sondern bewegt sich. Copernicus greift dabei Aussagen des Aristarch von Samos (ca. 310–230 v. Chr.) auf, der bereits in der Antike über ein heliozentrisches System spekulierte. Dieses widersprach jedoch nicht nur der Sinneswahrnehmung, sondern auch der christlichen Schöpfungslehre. Zudem konnte auch das Copernicanische Modell keine genaueren Vorhersagen treffen als das Ptolomaiische. Kritiker wie Martin Luther und Philipp Melanchthon warfen der copernicanischen Lehre deshalb „Neuerungssucht“ und „Gaukelei“ vor und ließen sich selbst durch den Vorstoß des Reformators Andreas Osiander, das neue Weltbild sei als wissenschaftliche Hypothese ohne Gewissheitsanspruch zu verstehen, nicht besänftigen.

Copernicanisches Weltmodell in Andreas Cellarius: Harmonia macrocosmica

Copernicanisches Weltmodell in Andreas Cellarius: Harmonia macrocosmica. Amsterdam 1660. FBG, Math. gr.2° 60/4, pars prior, zwischen S. 22-23 eingebunden.

 

 

Nicolaus Copernicus. De revolutionibus orbium coelestium libri

Nicolaus Copernicus. De revolutionibus orbium coelestium libri VI. Nürnberg 1543. FBG, Druck 4° 466, Bl. 66v-67r.

Mit Copernicus‘ Werk „De revolutionibus“ beginnt der Siegeszug des heliozentrischen Weltsystems. Copernicus, der zur Herausgabe durch seinen Schüler Georg Joachim Rheticus regelrecht gedrängt werden musste, beschrieb hier die heliozentrische Ordnung der Himmelskreise vom Merkur über die Erde bis zum Saturn. Der kugelförmigen Erde kommen zwei Bewegungen zu: eine tägliche Drehung um ihre Achse und eine jährliche um die Sonne. Das Gothaer Exemplar ist mit zahlreichen alten Besitzeinträgen versehen, die bis in die Frühzeit der Rezeption rund um Rheticus zurückführen.

 

 

 

Philipp Melanchthon. Initia doctrinae physicae.

Philipp Melanchthon. Initia doctrinae physicae. Wittenberg 1575. FBG, Druck 8° 1112 (2), S. 62.

Wie Luther, so hat sich auch Philipp Melanchthon (1497–1560) Zeit seines Lebens gegen das Copernicanische Weltmodell ausgesprochen. Im Zusammenhang mit der Frage nach der Bewegung der Welt polemisierte er gegen die Neuerer in der Astronomie, die wie einst Aristarch von Samos den Heliozentrismus vertreten würden. Melanchthon verschwieg dabei jenen Namen, den ein Leser von alter Hand im Gothaer Exemplar hinzugefügt hat: Copernicus. Gleichwohl erkannte er die Verbesserungen bei der Berechnung der Planetenbewegungen an.